Blick vom Höhlenkloster auf den Dnjepr / Helga Ewert / pixelio.de

Besuch in Kiew

Pfarrer Dr. Achim Reis berichtet von der Reise  zu seiner früheren Gemeinde 

„Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab!“ - So lautet die Herrnhuter Losung für den 23. Oktober. Als ich sie im Rahmen meines Grußwortes an die lutherische Gemeinde in Kiew verlese, brandet spontaner Applaus auf. Er gilt dem Propheten Jesaja, der mit diesem Anruf Gottes die Befindlichkeit der Gottesdienstteilnehmer sehr genau trifft: Schluss mit diesem Elend hier, wir wollen endlich ein besseres Leben führen!

Vom 20. bis 25. Oktober bin ich zu Gast bei meiner früheren Gemeinde, der Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde St. Katharina in Kiew, Hauptstadt der Ukraine. Das Leben hier ist nicht einfach, für viele ist es schwer. Materielle Sorgen belasten den Alltag, dazu kommt die Erfahrung von Ohnmacht: Einige wenige drücken ihre Interessen durch, die große Mehrheit kann sehen, wo sie bleibt. Dann auch noch der Krieg in der Ostukraine, wie Blei legt er sich über das ganze Land, die Grundstimmung ist gedrückt. Und für die lutherische Minderheit kommt erschwerend die Zerrissenheit ihrer eigenen Kirche hinzu: Der Bischof drangsaliert von Odessa aus alle Gemeinden, die sich seiner rückwärtsgewandten Theologie nicht unterwerfen - und das sind vorneweg die Kiewer. Die bayerische Landeskirche hat wegen des autoritären Kurses des Bischofs die Unterstützung der lutherischen Kirche in der Ukraine eingefroren, das trifft im Ergebnis dann auch die falschen.

Immerhin: Nachdem der letzte aus Deutschland entsandte Gemeindepfarrer plötzlich verstorben ist (die Gemeinde meint, wegen der psychischen Belastungen im Amt), hat die EKD jetzt ein Netz aus Ruheständlern gestrickt, die erst einmal gewährleisten, dass das Kiewer Gemeindeleben weitergeht und die Gottesdienste gefeiert werden können. Für den nächsten Sommer ist dann die reguläre Besetzung der Stelle vorgesehen. Und auch für die schon wieder nötig gewordene Sanierung der Kirche (die letzte erfolgte 2000, die Grundmauern waren da aber nicht ausreichend trockengelegt worden) wird es eine Form der Unterstützung geben. Das ist wichtig, damit die Hoffnung nicht irgendwie abstrakt bleibt, sondern eine konkrete Richtung erfährt.

280 (konfirmierte) Gemeindeglieder zählt die Kiewer Gemeinde aktuell. Früher waren es 400, die Aussiedlung nach Deutschland hat tiefe Spuren hinterlassen. Der zwischenzeitliche Versuch, durch junge Ukrainer die Reihen aufzufüllen, ist gescheitert: Die hatten sich hinter den Bischof geschart und mit Plakaten vor die Kirche gestellt: In der Ukraine hätte die Kirche ukrainisch zu sein, die Deutschstämmigen hätten hier nichts (mehr) zu suchen. Diesem nationalistischen Spuk hat die Gemeinde ein Ende bereiten können. Die Frage, wie die Zukunft aus eigener Kraft gestaltet werden kann, bleibt indes offen.  

„Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab!“ (Jes.63,19). Gott hat das Paradies anscheinend erst einmal auf Eis gelegt. Aber in Jesus Christus ist er sozusagen aus dem Himmel herabgefahren, ist er ihnen nahe gekommen. Es ist der Kiewer Gemeinde zu wünschen, dass sie daraus Trost, Mut und Zuversicht gewinnen kann. Bis dermaleinst der Lehrtext für den 23.Oktober in Erfüllung geht: „Sie werden sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (Mk. 13,26).  

Pfarrer Dr. Achim Reis