Vier Tage auf den Spuren der Reformation

Ein Reisebericht

Die Klosterruine in Limburg. Bernd Matheis / pixelio.de

Erste Station Eisenach: Am 13. Mai 2016 starteten wir morgens früh mit 53 Gemeindemitgliedern mit dem Bus zu unserer diesjährigen Gemeindefahrt. Unser erstes Ziel war Eisenach, die Stadt, die für Martin Luther eine große Bedeutung hatte: Hier ging er zur höheren Schule, hier predigte er des Öfteren und hier wurde er auf die Wartburg zu seinem eigenen Schutz entführt und brachte uns das Neue Testament in deutscher Sprache. Die Stadtführung fand auf seinen Spuren statt und Höhepunkt war das Luther-Museum mit seiner Dauerausstellung „Luther und die Bibel“. Die Ausstellung befasst sich mit der Bibelübersetzung und Ihrer Wirkung auf Literatur, Musik und Sprache. Gerade die Sprachfindung war sehr wichtig, es gab bis dahin nur deutsche Dialekte. Martin Luther erfand bei der Übersetzung der Bibel auch gleichzeitig das Hochdeutsche und viele Redewendungen, die noch heute in unserem Sprachgebrauch sind.  

Zweite Station Lübben und der Spreewald: Auf den Spuren von Paul Gerhardt. Lübben ist ein Ackerbaustädtchen mitten im Spreewald. Dort lebte und wirkte Paul Gerhardt. Paul Gerhardt gilt nach Martin Luther als der bedeutendste deutsche protestantische Kirchenlieddichter. Sein Werk umfasst 137 Lieder, von denen einige im Weihnachtsoratorium und in den Passionen von Bach verwendet wurden. Seine Texte und Gedichte fanden weltweit Verbreitung und haben bis heute nichts an Lebendigkeit und Aktualität verloren. Einige seiner Lieder befinden sich auch im Gotteslob der kath. Kirche. Paul Gerhardt wirkte bis zu seinem Tode am 27. Mai 1676 als Archidiakon in der Lübbener Kirchengemeinde und wurde am 07. Juni 1676 im Altarraum der Lübbener Hauptkirche beigesetzt. Gerhardt hatte ein sehr bewegtes Leben. Er studierte in Wittenberg Theologie und musste den 30-jährigen Krieg in ganzer Länge miterleben. In Berlin fand er seine erste Anstellung und war sehr angesehen. Er wollte aber das Toleranzedikt des Großen Kurfürsten nicht mittragen und wurde in Berlin aus seiner Pfarrstelle entlassen. Er war überzeugter Lutheraner und hatte Angst, dass das Werk Luthers verwässert würde, denn der Große Kurfürst war Calvinist geworden. Bei den Preußen galt Toleranz aber als hohe Tugend. Paul Gerhardt heiratete noch in Berlin und hatte fünf Kinder. Innerhalb von nur 13 Jahren starben seine Frau und vier seiner fünf Kinder. Trotz des großen Leids hat er uns die schönsten Kirchenlieder hinterlassen, die Fröhlichkeit und Lebensbejahung ausstrahlen wie „Du meine Seele singe“, „Die güldne Sonne“ oder „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Durch seinen Glauben hat er immer wieder Lebensmut gewonnen. Ihm wäre wohl die Aussage „Wo ist denn der liebe Gott heute, wie kann er nur so viel Leid zulassen“ niemals über die Lippen gekommen.  
In der Paul-Gerhardt-Kirche ist eine kleine Ausstellung zu sehen, die Gesangbücher aus aller Herren Länder enthält. In allen diesen Gesangbüchern finden sich Lieder von Paul Gerhardt in der Landessprache.  Der Spreewald liegt im Verbreitungsgebiet der Sorben oder Wenden. Die Sorben sind Deutschlands einzige anerkannte Minderheit mit eigener Sprache. Wir erlebten zweisprachige Orts- und Amtsschilder. Bekannt sind das Osterreiten der Sorben, die wundervollen Trachten und die reich verzierten Ostereier.
Der Spreewald ist eine einzigartige Kulturlandschaft. Die vielen natürlichen und künstlich angelegten Kanäle haben eine Gesamtlänge von über 970 Kilometern. Auch heute bewegt man sich im Spreewald noch per Kahn fort, die Post kommt per Kahn, die Ernte wird per Kahn abgefahren, das Vieh transportiert und vieles mehr. Hier ist auch der seltene Schwarzstorch zuhause. Es existieren rund 18.000 Tier- und Pflanzenarten im Spreewald. 1991 erhielt der Spreewald die Anerkennung der UNESCO als Biosphärenreservat Wir sahen, wie eine Biberfamilie selbst alte, dicke Eichen fällt. Wir erlebten eine herrliche Ruhe, viel sattes Grün und wunderbare Fließe.

Dritte Station Torgau (Pfingstsonntag): Das politische Zentrum der Reformation. Am nächsten Morgen starteten wir nach Torgau. Torgau liegt 50 Kilometer von Wittenberg entfernt und war das politische Zentrum der Reformation, während Wittenberg das geistige Zentrum war. Martin Luther war nachgewiesen über 60-mal in Torgau. In kaum einer anderen Stadt sind die Spuren der Reformation heute noch so gut sichtbar wie dort. Ein geschlossenes städtebauliches Ensemble mit über 500 Baudenkmälern aus der Zeit der Spätgotik und der frühen Renaissance vermittelten uns auf den Wegen zu Martin Luther einen authentischen Eindruck. 1530 verfassten Luther, Melanchthon, Jonas und Bugenhagen die Torgauer Artikel, die Grundlage für die spätere Confessio Augustana waren. Bis heute sind sie das verbindliche Bekenntnis der lutherischen Kirche zu ihrem Glauben.
Besonders eindrucksvoll ist das Schloß Hartenfels mit dem großen Wendelstein im Stil der Frührenaissance. Hier residierte Friedrich der Weise. Er war Martin Luthers Mentor und Schutzengel, er ließ ihn gewähren, schützte seine Aktivitäten und er ließ ihn zu seinem eigenen Schutz auf die Wartburg entführen. Ohne Friedrich den Weisen hätte es keine Reformation gegeben.  
1544 weihte Martin Luther die erste evangelische Kirche ein, die Schloßkirche. Sie war die erste Kirche, die als evangelische Kirche geplant und geweiht wurde. Die Schloßkirche ist das Vorbild aller ev. Kirchen in Deutschland. Sie ist sehr schlicht und sehr schön. Hier feierte Pfarrer Andreas Heidrich mit uns eine wunderbare Andacht, die sogar von Orgelmusik begleitet wurde. In der Stadtkirche ist Katharina von Bora, die berühmteste Pfarrfrau der Welt, begraben. Sie floh aus Wittenberg vor der Pest, verunglückte unterwegs uns starb in Torgau. In der Stadtkirche erhielten wir auch eine wunderbare Führung des pensionierten Pfarrers i. R. Rohr. Er erzählte uns von den Schwierigkeiten der Kirche in den neuen Ländern. Im letzten Jahr gab es keinen einzigen Konfirmanden in Torgau, in diesem Jahr gab es acht Konfirmanden. Trotz aller Schwierigkeiten hat uns Pfarrer i. R. Rohr ein lebensbejahendes, positives Gefühl mit auf den Weg gegeben.
Torgau ist auch die Wiege der evangelischen Kirchenmusik. Hier lebte Johann Walter, der 1524 das erste evangelische Gesangbuch herausgegeben hat. Weiter ging es nach Merschwitz/Elbe zur Besichtigung der kleinen Dorfkirche. Dort wurden damals Frau und Herr Bormann, zwei unserer Gemeindemitglieder, getauft und konfirmiert. Der Besuch dieser kleinen, einfachen evangelische Dorfkirche rundete unseren eindrucksvollen Tag ab.

Vierte Station Meißen (Pfingstmontag): Die Meißner Porzellan-Manufaktur wurde 1710 gegründet und steht noch immer unangefochten an der Spitze in Europa. Neben der Pflege alter Traditionen in Form, Farbe und Dekor werden heute auch neue Wege der Porzellangestaltung erfolgreich beschritten. Bei der Besichtigung wurde uns vorgeführt, wie Porzellan hergestellt und welche Arbeitsschritte bis zum fertigen Produkt nötig sind.  Danach besichtigten wir die Stadt Meißen. Die malerische Stadt an der Elbe ist von dem historischem Stadtbild und der Weinlandschaft des Elbtales geprägt.
Die vielfältige Geschichte der über 1000 Jahre alten Stadt spiegelt sich insbesondere in der Altstadt wieder, die ihre mittelalterliche Grundform erhalten hat und im zweiten Weltkrieg fast unzerstört blieb. Sie wird unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten liebevoll restauriert und ist heute schöner denn je. Wir wagten uns an den etwas beschwerlichen Aufstieg zur Albrechtsburg und starteten nach dem Mittagessen den Weg nach Hause. Um 21 Uhr kamen wir müde aber glücklich in Bad Soden an.   

Hildegard Pechtold